Robert Sobotta: In der Gelassenheit liegt die Kraft
Das Studium der Kunstgeschichte verheißt nicht gerade eine erfolgsversprechende Karriere. Robert Sobotta ist es trotzdem gelungen. Der Leiter des Goethe-Instituts in Dresden und Weimar berichtet im KarriereTrends-Interview mit Anne-Marie Fleischer und Friederike Hecker, warum er sich nach seiner kaufmännischen Ausbildung für das Studium einer Geisteswissenschaft entschieden hat. Robert Sobotta gibt Tipps, was bei der Wahl von Praktika zu beachten ist und was er von strategischer Karriereplanung hält. Zudem erfährt der Leser, wieso für Sobotta der Beruf nicht alles ist.
Herr Sobotta, hatten Sie einen konkreten Berufswunsch bevor Sie Ihre Ausbildung begannen oder hat sich dieser erst entwickelt?
Der Berufswunsch hat sich tatsächlich erst entwickelt. Ich hatte keine konkreten Berufswünsche. Als Kind hatte ich derartige Wünsche, die dann in der Realität nicht mehr meinen Interessen entsprachen. Als Kind will man vielleicht Pilot werden, doch ich war überhaupt nicht technikinteressiert. Die kaufmännische Ausbildung war eher eine Art Verlegenheitslösung. Danach wusste ich, dass ich gerade nicht als Kaufmann oder im direkten Bereich der Wirtschaftsverwaltung tätig sein möchte. Dann entwickelte sich durch meine Sprachkenntnisse und durch die Auslandserfahrungen im Studium die Richtung, die ich schließlich eingeschlagen habe, aber diese verfolgte ich nie zielstrebig. Im Vergleich zu Menschen, die ich kenne, die einen konkreten Plan hatten, war das gerade mein Startvorteil. Beispielsweise bei Bewerbungen: wenn man extrem verbissen sagt, ich muss jetzt beim Goethe-Institut arbeiten und man ist einer von 3000 Menschen, die das möchten, dann ist es wahrscheinlich schwieriger, den Job zu bekommen, als wenn man fröhlich und gelassen in die Bewerbung geht und sich sagt: Es wäre eine Möglichkeit, aber es gibt auch Alternativen.
Hat sich die Leitung des Goethe-Instituts ebenfalls ergeben?
Im Rückblick betrachtet könnte man sagen, dass es eine kontinuierliche Karriere war. Durch die Robert Bosch Stiftung ist eine Netzwerkbildung möglich gewesen. Ich konnte auf einem hohen Niveau gefördert werden. Die Bosch-Lektorate machen vielleicht 100 Menschen pro Jahr. Dass man von der Robert Bosch Stiftung zum DAAD wechselt ist nicht die Regel, aber sehr häufig bei Menschen, die weiterhin im Ausland tätig sein möchten und in einem weiteren Umfeld Hochschulmarketing betreiben oder Deutschunterricht im Ausland machen möchten. Dann ist man bereits im Bereich der sogenannten Kulturmittler im Ausland und der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Da ist das Goethe-Institut der Global Player und im Prinzip der natürliche Einstieg, der allerdings nur sehr wenigen gelingt.
Hatte Ihr Umfeld, speziell Ihre Familie, Einfluss auf Ihren Karriereweg?
Die Familie hatte kaum Einfluss auf meinen Karriereweg. Da ist der Einfluss höchstens die Freiheit, die mir gelassen wurde, zu studieren und zu machen, was ich wollte. Es wurde kein Druck auf mich ausgeübt, schnell einen Beruf finden, um Geld zu verdienen. Das ist sicherlich eine gute Basis, wenn man in diesem Bereich tätig werden möchte. Das kann ich mit den Karrieren von meinen jüngeren Kollegen im Goethe-Institut vergleichen, die eine ähnlich “Patchwork-Biographie” aufweisen wie ich. Ansonsten direkte Persönlichkeiten, einen Mentor, wie es heute 15 Jahre später in Ihrer Generation vielleicht üblich ist, hatte ich überhaupt nicht. Natürlich hatte ich durch Professoren in den USA und beispielsweise den Generalkonsul in Nowosibirsk Personen, die meine Arbeit anerkannt haben und wussten, dass ich zuverlässig und fleißig bin. Doch die Beziehungen waren nie so eng, dass mir jemand einen Job besorgt hat.
Wie lautet Ihre Definition von Karriere?
Karriere wird herkömmlich aufgefasst als etwas, dass man sich vornimmt und erreicht. Das würde ich gerade nicht sagen. Ich würde den Begriff Karriere eher als etwas fassen, das im Fluss ist. Wenn man nicht als Opportunist mitschwimmt, sondern sportlich im Lebensfluss dabei ist, kann man viele Dinge erreichen. Man sollte nicht zu verbissen sein.
Woher stammt die Motivation für Ihren Beruf?
Die Motivation stammt aus dem internationalen Umfeld und der Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Es ist ein Umfeld, in dem man kreativ sein und Projekte entwickeln kann trotz vieler bürokratischer Angelegenheiten. Der Beruf hat hat sehr viel mit Menschen zu tun hat, denen man weiterhilft. Das Goethe-Institut ist schließlich Bildungswesen.
Haben Sie eine Strategie zum Erfolg?
Ich bin kein sehr strategischer Mensch, der beispielsweise Bücher liest, in denen es heißt “Wie können sie besser, effizienter, schneller und erfolgreicher arbeiten?”. Ich glaube, ein gutes Motto wäre “In der Gelassenheit liegt die Kraft”. Es gibt Stresstage und da ist es nicht schlimm, wenn man bei Terminen einmal 5 Minuten zu spät kommt. Das kann man seinem Gegenüber zumuten. Es funktioniert besser, wenn man gelassen bleibt.
Welche Bedeutung haben Praktika in Ihren Augen und welche Praktika haben Sie absolviert?
Das ist ein wichtiges Thema für mich, denn ich weiß, dass viele Menschen Praktika im Goethe-Institut machen möchten. Ich fange bei mir an. Selber habe ich zwei Praktika absolviert, die insgesamt nur zwei Monate gedauerten, aber das ist inzwischen schon 15 Jahre her. Die Praktika habe ich an prominenten Museen in Deutschland gemacht. Es waren ganz typische Praktika, bei denen man nicht sehr tief eindringen konnte, aber immerhin wusste, wie die Strukturen funktionieren. Heute sehe ich, dass Menschen natürlich viel länger Praktika machen. Ich würde nur vor einer Sache warnen: Man sollte Praktika in einer Institution oder sehr ähnliche Tätigkeiten nicht wiederholen und schon gar nicht jahrelang. Zwischendurch sollte man in andere Bereiche eindringen und vielleicht auch nur, um Geld zu verdienen. Sonst entsteht ein biographischer Steckbrief, der zeigt, dass jemand sehr dringend einen Job in einer speziellen Einrichtung sucht. Meiner Erfahrung nach ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person eingestellt wird, aus innerbetrieblichen Gründen relativ gering. Die Personalverantwortlichen möchten lieber einen Bewerber, der viele Erfahrungen mit- und einbringt.
Auf welche Kenntnisse, Eigenschaften und Fähigkeiten legen Sie neben Erfahrungen aus den verschiedensten Bereichen bei der Personalentscheidung wert?
Ich schaue vor allem, dass der Lebenslauf eine Vielfalt aufweist. Es sollte nicht an Flexibilität und Phantasie mangeln. Ich schaue nicht nach den Noten. Da ich selbst kein guter Schüler war, habe ich Sympathien für Menschen, die mittelmäßige Noten mitbringen und dafür einen interessanten Lebenslauf.
Was ist denn, wenn es einmal nicht so gut läuft? Wie lautet Ihr Rezept gegen Schwierigkeiten und Rückschläge?
Die Frage ist, wie man Rückschläge auffasst. Wenn man mein Leben genau buchstabiert, könnte man sagen, dass ich etliche Rückschläge erfahren (ich sage bewusst nicht erlitten) habe. Es gibt Menschen, die darunter leiden, dass sie sich bewerben, ohne Erfolg zu haben oder wenn sie ein oder zwei Jahre jobben anstatt aktiv in der Ausbildung etwas zu tun. Ich glaube, dass es eine Haltungsfrage ist. Man darf Rückschläge nicht als solche sehen, sondern als Chance. Man hat das Glück, nicht 40 Stunden im Büro bei einem Unternehmen sitzen zu müssen, sondern man kann schauen, dass man irgendwo jobbt und sich fortbildet. Es gibt genügend Arten von Fortbildungen in Deutschland. Man sollte die Zeit nutzen, um andere Schritte zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln.
Haben Sie eine Maxime, die Sie uns mit auf den Weg geben möchten?
Ich habe einen Leitsatz: “Das Gegenteil tun”. Das Gegenteil tun heißt, dass man stets offen sein sollte, um etwas anderes zu machen. Wenn man das Stipendium für die USA nicht schafft, dann bekommt man vielleicht ein Stipendium für Russland, obwohl man nie nach Russland wollte. Man lernt neue Kulturräume und Sprachen (kennen). Dabei erweitert man sich und gewinnt am Ende.
Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Ich spreche einige Sprachen: Meine Muttersprache ist Spanisch, weil meine Mutter Uruguayerin ist. Außerdem spreche ich gut Englisch durch den Auslandsaufenthalt in den USA, Italienisch durch das Studium in Italien, Französisch durch die Schule und durch berufliche Aufenthalte, Polnisch und Russisch. Polnisch habe ich leider durch Russisch wieder verschüttet, aber im Prinzip kann ich beide slawischen Sprachen.
Welche Menschen, Begegnungen und Ereignisse haben Sie gelenkt?
Eine Sache war die Welt- und Europaoffenheit, die ich bereits im Elternhaus erfahren habe. Ich bin bei Düsseldorf aufgewachsen. Ich war allerdings oft in der DDR und in sozialistischen Ländern, weil meine Eltern sagten, dass wir im Urlaub nach Italien, nach Spanien fahren, aber wir fahren auch nach Polen oder in die Tschechoslowakei. Wir sehen uns das einfach an, weil es genauso Länder sind, die im Herzen Europas liegen und sehenswert sind. Das haben beispielsweise nur ganz wenige Menschen gemacht. Das hat mich sicherlich insoweit geprägt, dass man offen ist und in die Welt hinaus geht. Im Zusammenhang damit steht natürlich der Fall der Mauer. Kurz nach der Wende kam ich zum Studium nach Dresden. Ansonsten lasse ich mich selten von Persönlichkeiten beeindrucken. Ich sehe mir viel an und mache mir dann dazu meine Gedanken.
Haben Sie Vorbilder, die Einfluss auf Sie ausübten?
Ich habe keine konkreten Vorbilder. Natürlich achte und schätze ich politische Freiheitsfiguren wie Nelson Mandela hoch. Darüber hinaus achte ich Künstler sehr. Wenn ich Feuilletons lese oder mich mit Kunst befasse, dann bewundere ich oft Lebensläufe und Freiheiten von bildenden Künstlern und Schriftstellern, die einfach das machen, was sie für wichtig und richtig halten. Menschen, die sehr unabhängig bleiben.
Welchen Platz nimmt Ihr Beruf in Ihrem Leben ein?
Ich bin eindeutig jemand, der laut sagt, dass der Beruf auf keinen Fall alles sein sollte. Selbst wenn man eine gewisse Führungsposition einnimmt, so wie ich das glücklicherweise behaupten darf. Der Beruf ist für mich nur in einem kleinen Maß Erfüllung. Viel erfüllender finde ich das Privat- und Familienleben, die Freiheit, draußen zu sein und unter offenem Himmel Fahrrad zu fahren. Ich fahre morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit und am Abend zurück. Ich würde jedem empfehlen, sich nicht zu sehr von seinem Beruf gefangen nehmen zu lassen. Meiner Erfahrung nach kann man fast jede berufliche Aufgabe in meinem Milieu mit einer 40-Stunden- Woche erfüllen. Natürlich gibt es Tage, an denen man länger arbeitet, aber man sollte sich nicht knechten für den Beruf. Sonst ist man am Ende demotiviert, verschlissen und kaputt. Aus diesem Grund muss ich sagen, dass der Beruf nicht alles für mich ist. Ich sage das so deutlich, da ich viele Menschen kenne, auf die das zutrifft. Ich kenne auch Leute, die am Ende mit leeren Händen dastehen: Sie haben keine Freunde außerhalb des Berufs, keine Familie, keine privaten Kontakte.
Haben Sie einen Traum oder ein Ziel in Ihrem beruflichen Leben?
Das Ziel ist mit meiner Familie kombiniert. Ich habe eine Familie und bin sehr froh darüber. Mein Traum wäre, mit meiner Familie auf einem Posten zu sein, an dem wir alle Fünf sehr gut leben können. Ich möchte beispielsweise nicht wieder nach Osteuropa oder Russland, da ich mich dort schon gut auskenne. Ich habe den Wunsch, etwas Neues kennenzulernen. Lieber wäre mir in ein Umfeld in Afrika, Südamerika oder Südostasien, obwohl diese Orte für Familien nicht einfach sind. Ich möchte meinen Kindern ein neues kulturelles Umfeld und neue Sprachen vermitteln. Das wäre mein Traum.
Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?
Im Idealfall sehe ich mich in 10 Jahren in einer ähnlichen Position als Institutsleiter am Goethe-Institut an einem interessanten Ort in der Welt. Ich habe kein viel höheres Karriereziel mehr. Es gibt am Goethe-Institut flache Hierarchien. Je höher man kommt, desto öfter sitzt man viel in Gremien, macht langfristige Strategiepläne oder muss mit anderen Behörden verhandeln, um Finanzierungen sicherzustellen. Ehrlich gesagt: für mich ist das kein echtes Ziel. Insofern möchte ich in der jetzigen Form weitermachen. In 20 Jahren möchte ich nicht mehr arbeiten. Mit 67 Jahren in Rente zu gehen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es finanziell möglich ist, dann werde ich früher ausscheiden. Natürlich möchte ich danach nicht einfach Rentner sein, sondern etwas anderes tun oder vielleicht auch anderweitig Geld verdienen.
Vielen Dank für das Interview!
Zur Person
Robert Sobotta wurde 1968 in Bonn geboren. Nachdem er eine Kaufmännische Ausbildung bei Thyssen in Düsseldorf absolvierte, entschied er sich für ein Studium der Kunstgeschichte (Magister) in München und Dresden. Während des Studiums legte Robert Sobotta Auslandssemester in Italien und den Vereinigten Staaten von Amerika (Ohio) ein. Anschließend war er als Lektor für die Robert Bosch Stiftung in Polen und für den DAAD in Russland im Bereich Hochschulmarketing tätig. Seit 2005 ist er Leiter der Goethe-Institute Dresden und Weimar.
Zu den Autorinnen
Anne-Marie Fleischer studierte Interkulturelle Europa- und Amerikastudien (IKEAS) im Bachelor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bereits während des Studiums war sie in verschiedenen Ehrenämtern aktiv. Neben der Mitgliedschaft in der Institutsgruppe IKEAS, begleitet sie die studentische Unternehmensberatung Campus Contact Halle e.V. als Beirätin. Darüber hinaus gründete sie den Verein CultureConAction e.V. mit und arbeitet aktuell als wissenschaftliche Hilfskraft im Career Center der Universität Halle. Ab Oktober 2010 plant sie, ihr Masterstudium zu beginnen. Ihre wenige Freizeit verbringt sie nach eigenen Aussagen sehr gern im Ausland.
Friederike Hecker beendete ihr Bachelorstudium Interkulturelle Europa- und Amerikastudien (IKEAS) im Wintersemester 2009/2010. Während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und im französischen Toulouse sammelte sie zahlreiche Praxiserfahrungen in internationalen Institutionen in Europa, Amerika und Asien. Seit Juli 2010 ist Friederike Hecker wissenschaftliche Mitarbeiterin im Career Center der Universität Halle im Bereich Karriere und Ausland tätig.
Das Transferzentrum Absolventenvermittlung und wissenschaftliche Weiterbildung für Fach- und Führungskräfte in KMU des Landes Sachsen-Anhalt wird im Rahmen des Operationellen Programms aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert.
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